Alle Jahre wieder kommt einer, der meint, daß dieses Jahr nun wirklich das Jahr für Linux auf dem Desktop sei. Böse Zungen behaupten dies geschehe zeitgleich mit der Veröffentlichung von DukeNukem forever…
Aber im Ernst, ich bin wirklich kein Linux-Verachter, ganz im Gegenteil. Ich finde, dass die ganze Open Source Bewegung uns unschätzbar viel gegeben hat, und das Phänomen “Internet” selbst ohne sie undenkbar wäre; als Server schätze ich Linux schon lange, auch als Geek-Desktop ist es sicher eine Alternative.
Ist Linux mittlerweile tauglich als Alltags-Desktop?
Dieser Frage möchte ich in dieser Mini-Serie nachgehen, und um das ganze noch etwas schwieriger zu machen:
Kann Linux (Ubuntu) die Freizeit-Desktop-Bedürfnisse eines Typographen und Designers befriedigen, der seine Hauptarbeit zwar immer noch auf dem Mac erledigt, aber jetzt mal zum Spaß mit einem Aspire One von Acer herumspielt und dessen Grenzen ausloten möchte?
Fragen, die ich aus meiner ganz subjektiven Sicht in den nächsten Artikeln in meinem Blog erörtern werde.
Warum ausgerechnet Ubuntu Linux?
Meine bisherigen Linux-Erfahrungen beschränken sich auf MkLinux (RPM-basiert), PPC Linux (RPM-basiert), Yellowdog Linux (RPM-basiert) und natürlich Redhat Linux (RPM-basiert), außerdem noch Turbolinux (RPM-basiert). Und bisher hatte ich jedesmal Dependency Hell (ja so lange ist das her), und es wollte mir scheinen, dass Debian da eine besseren Lösungsansatz hat.
Nun ist mir für den Desktop Debian selbst zu konservativ, denn der Desktop-Geek von heute will “blutende Kante”, wie es so schön auf Englisch heißt, auch wenn dafür die Kiste mal abschmiert. Man macht ja Backups. Und Debian ist mir auch etwas zu religiös, wenn es darum geht, Programme anzubieten, die zwar nicht frei sind aber essentiell (da erscheinen dann immer die Debian-Mönche, sich selbst geiselnd, und murmeln “unrein! unrein!”, oder so ähnlich).
Desktop-User des 21. Jahrhunderts neigen zu Pragmatismus (Seelen haben wir sowieso keine mehr, seis nun weil wir Atheisten sind, oder weil die “Konkurrenz” uns Kapitalistenschweine sowieso schon fest im Griff hat), denn was nützt mir ein 100% Bio-GPL-Desktop nur echt mit Stallman-Siegel und dem GNU, wenn das WiFi nicht läuft, und ich keine MPEG-4 PorMusikvideos abspielen kann?
Ubuntu ist Debian-basiert, hat den Ruf auch für Otto-Normalverbraucher gemacht zu sein, und einen GNOME Desktop, für den es sogar UI Guidelines gibt und Leute, die sich um Usability kümmern (hört, hört!). KDE riecht mir persönlich viel zu sehr nach Windows, weil einfach viel zu viele sinnlose Features bis zum Erbrechen in das System integriert wurden und die visuellen Effekte zu oft sinnfrei sind (dazu mehr im zweiten Teil). Außerdem ist Ubuntu Linux wohl die Distribution, für die man am meisten Dokumentation für den Aspire One bekommen kann.
Installation
Dank Fiberglas-Verbindung in der Firma ist die ISO für Ubuntu 8.04.1 (Hardy Heron) flugs heruntergeladen und eine CD gebrannt. In weiser Voraussicht habe ich mir auch ein USB-DVD-Laufwerk für den aspire one besorgt.
Booten funktioniert von der CD sofort, und man kann auch gleich die Installation starten (was ich tue, denn Windows, das leider vorinstalliert ist, soll sofort getilgt werden). Ich habe mich im Vorfeld schlau gemacht und diesen unschätzbar genialen Eintrag auf Ubuntus Website gefunden. Auf diese Weise habe ich eine laufende Ubuntu-Installation innerhalb weniger Stunden. Damit WiFi funktioniert mußte ich allerdings zuerst einiges im Terminal herumwerkeln, neue Treiber herunterladen, selber kompilieren. Wem das jetzt schon nach “wegrennen” kling, dem sei die neueste Beta von Ubuntu 8.10 wärmstens empfohlen, denn nachdem ich diese Installiert und ein Riesenupdate draufgebügelt hatte (dazu ist halt einmal eine verkabelte Verbindung zum Internet nötig), ging alles ohne mein Zutun perfekt.
Wireless und Sleep funktioniert nun also wunderbar unter 8.10. Ganz zu schweigen von all den Sondertasten auf der Tastatur, Lautstärke, Helligkeit, Bildschirm an/aus – alles funktioniert auf Anhieb! Ich bin beeindruckt.
Vorschau auf Teil II
Nächstes Mal erfahrt ihr, wie ich meinen Desktop so einrichte, dass auch ein Mac user sich einigermaßen zurechtfindet. Wie ich Englisch, Deutsch und Japanisch tippen kann und außerdem meine sehr kurzen Ausflüge ins Land der Trolle (KDE) und der Mäuse (XFCE).
h4. Hier noch mein digitaler Werdegang für alle, dies unbedingt wissen wollen:
- ca. 1982: Erstes Interesse an Computern; anfangs will er nur einen Selbstbau-“Computer” von Quelle, nachdem er allerdings Bekannte vom Commodore VC20 und vom Sinclair ZX81 schwärmen hört, will er was rechtes…
- ca. 1983: Erster Computer, ein Commodore 64 mit Datasette (damals schimpfte sich so etwas “Heimcomputer”, eine seltsame Differenzierung, wenn man bedenkt, dass es noch gar keine PCs gab)
Besonderheiten: bootet in einer Sekunde (!).
Verwendungszweck: Spielen (das BASIC-Programmieren wurde mir vergällt, als meiner Marathon-Programmier-Session duch ein “Out of Memory Error” ein jähes Ende gesetzt wurde). - ca. 1986: Jeder will einen Computer mit einer Maus, Kilian kriegt einen Amiga 500 second-hand ins Haus. Hauptverwendungszweck: Spielen. Nach ersten Schritten in C-Programmierung sucht Kilian schreiend das Weite. Mit Deluxe Paint und später Photon Paint erstes “Photoshoppen”.
- ca. 1989: Trennung vom Amiga, nach Jahren permanenter Zockerei am Bildschirm will man auch wieder mal ans Sonnenlicht und bleibt erstmal computerfrei.
- ca. 1991: Kilian hält es nicht mehr aus und ergattert einen gebrauchten Amiga 1000 mit 4MB RAM (Monstermaschine) und zwei Floppy-Laufwerken. Erste Schritte in digitaler Music (MODs) und DTP.
- ca. 1993: der Amiga wird langsam wirklich alt in jeder Hinsicht. Schon in der Ausbildung zum Typographen befindlich will ich eigentlich einen Mac. Noch hat die Ära der PowerPCs nicht angefangen und 68k Macs sind immer noch völlig unerschwinglich. Kilian macht den Fehler seines Lebens und wird von der dunklen Seite der Macht verführt: er kauft sich einen IBM-PC kompatiblen mit einem AMD 486 proz. 40 MHz “schnell” war das Teil und lief auf Windows 3.1.
Das war mein erster Computer mit Festplatte… In den nächsten Jahren hieß es dann mit Freunden darum wettzueifern, wer mehr Basic-RAM man durch Optimieren von autoexec.bat und config.sys frei kriegen kann. Windows 3.1 selbst war völlig unbrauchbar, das kleinste Bißchen Audio-Editing läßt die Kiste abstürzen. Nach einiger Zeit wird Novell DOS auf die Kiste geklatscht, Protected Memory und echtes Multitasking erlauben ihm zumindest Windows 3.1 in einer DOS-Shell laufen zu lassen und es abzuschießen wenn es hängt. - ca. 1994: Nase voll von Windoof, erster Versuch sich mit OS/2 Warp 3 anzufreunden. Na ja, technisch top, GUI flop. Danach ein Hoffnungsloser Versuch Linux zum Laufen zu bringen (ohne zu wissen, was da eigentlich vor sich geht). Danach zurück zu DOS und nur noch Spielen.
- ca. 1995: Kilian tut das, was er schon immer hätte tun sollen und besorgt sich einen Macintosh. Einziger Fehler: es ist ein Performa 6200 (mit 75MHz 603PPC Prozessor, war nicht so toll). Windows 1995 läßt mich kalt, technisch auch nicht wesentlich besser als System 7, die GUI sieht aus wie eine schlechte Kopie von NeXTSTEP/OPENSTEP in blau, mit dem dümmsten Dock, das ich je gesehen habe (Taskbar).
- ca. 1996: Kilian kauft sich einen PowerMac 7600/120. Der Performa wird an den Vater verkauft (der ihn übrigens noch heute für die Buchhaltung verwendet!). Der 7600 wurde in Japan aufgemotzt mit einem 400MHz G3 und viel anderer Hardware (ja, ich hatte ihn im Handgepäck mitgenommen!) auch der 7600er “lebt” noch.
- ca. 1998: Wiedersehen mit Linux. Diesmal MkLinux, damals noch von Apples (!) Website heruntergeladen, das auf meinem Firmenpowermac installiert wurde (7600/200). Erste Konfrontation mit Open Firmware (huch, mein Mac hat eine “Kommandozeile”?!). Später Turbolinux (weil man da auch Japanisch schreiben will). Die TLUG (Tokyo Linux User Group) wird nun regelmäßig besucht. Man macht auch Bekanntschaft mit Jim Breen (der Mann, der WWWJDIC erstellte und dem wir KANJIDIC verdanken). Win98: des Kaisers neue Kleider.
- ca. 1998: Kilian will so gern ein Betriebssystem, mit einer GUI auf dem Level von Mac OS und einem modernen Unterbau. Glücklicherweise will Jean-Louis Gassée das auch, und mit Be OS läuft mein alter PowerMac so schnell und multitasklich wie nie zuvor. Ich wähnte mich schon im Betriebssystem-Himmel, hätten nicht Darth Gates und seine Schergen Be OS durch Knebelverträge mit Hardware-Herstellern den Garaus gemacht. Das war eine der düstersten Episoden des Digitalen Zeitalters.
- ca. 1999 Sommer: noch bei Rainbow Japan muß ich für ein Projekt für Apple (PC Expo) einen QuickTime Streaming Server Einrichten. Erstes zusammentreffen mit Rhapsody (alias Mac OS X Server). Das war noch keine Offenbarung, aber man konnte das Potential klar erkennen. Alle Hoffnung für die Erlösung aus dem Dunkel der Betriebssystem liegt nun bei Apple. Es folgen bange zwei Jahre.
- ca. 1999 Herbst: Erste Konfrontation mit FreeBSD. Kilian muß den alten BIND, Mail- und Webserver von Digital Jungle auf eine neuere Maschine transferieren. Für die neuen Server gibts erstmal einen ausgedienten B/W G3, auf dem PPC Linux läuft, und einen PC, auf dem RedHat 6.1. Erste Schritte mit BIND, und sendmail (nie wieder!). Apache ist relativ einfach eingerichtet und für virtual Domains konfiguriert.
- ca. 2000: Kilian will immer noch so gern ein Betriebssystem, mit einer GUI auf dem Level von Mac OS und einem modernen unterbau. Glücklicherweise will Steve Jobs das auch (danke!) und Mac OS X ist das “Jesus OS”. Die Public Beta wird sofort auf den Arbeitsrechner installiert, und auf biegen oder brechen verwendet. Gott, ist das langsam. Dafür ziehen die Abstürze von Flash nur noch Classic mit in den Abgrund. Windows ME: also bitte, jetzt reichts!
- ca. 2001: Windows XP. Hmm. Windows NT mit mehr Treibern und einem neuen Fisherprice-Theme. Wenig beeindruckt.
- ca. 2003: Digital Jungles Server werden auf OS X 10.3 umgerüstet. Nettes Paket. Zum ersten mal richte ich für den Fileserver Mac OS X Server ein. Zuckerschlecken. Den Webserver lasse ich allerdings auf OS X 10.3 client laufen, darauf installieren wir auch Communigate Pro. Leb wohl sendmail (endlich). Seither eigentlich keine wirklich neuen Betriebssysteme im Blickfeld.
Fazit: Mac OS X ist seit 10.1 mein Haupt-Betriebssystem und ich bin eigentlich glücklich damit. Was mit nicht daran hindern soll, auch über den Tellerrand zu schauen.
Wichtige Anmerkung: Während all der Jahre habe ich am Arbeitsplatz auch immer einen Windows Rechner auf dem Schreibtisch stehen gehabt, den ich fast täglich auch benutzte. Mir war es seit jeher ein Rätsel, wie man ernsthaft in Erwägung ziehen könnte, damit professionell arbeiten zu wollen. Die Viren, die Malware, die unglaublich schlechte Usability, die Treiber-Probleme, Drag-and-Drop funktioniert auch nur bei Vollmond, Farbwiedergabe für Druck ist einfach nicht auf professionellem Level, und Japanisch ist fast unlesbar auf Windows.
Auch Vista kann noch immer die Microsoft-eigenen japanischen Standardschriften (MS Gothic, MS Mincho und die proportionalen Varianten) nicht glätten, und der Zeilenabstand ist etwa 0. Das heißt, obwohl man mit furchtbar komplexen Schriftzeichen arbeitet, sind die Zeilen so nahe zusammen, dass sich die Zeichen berühren. Und das ist in Applikationen in denen ich den Zeilenabstand nicht kontrollieren kann einfach ein Disaster (Mail, Texteditoren etc. und Websites, die sich zu gut für CSS sind).




Share This Article




Eure Kommentare:
from monologue to dialogue